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«Студия» 2004, №8
НОВЫЕ ПЕРЕВОДЫ ИЗ РУССКОЙ ПОЭЗИИ


Gedichte
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В этой, ставшей уже традиционной рубрике нашего журнала, мы знакомим немецких читателей с новыми переводами на немецкий язык произведений русских поэтов.Cтихи Иосифа Бродского даются в переводе Мелиты Нойман /Melitta Neumann/.

Одна из ведущих ганноверских газет – „Hannoversche Allgemeine Zeitung" – положительно оценила работу М. Нойман и ее стремление донести поэзию нобелевского лауреата до немецко-го читателя.

 

Joseph Brodsky

24 Dezember 1971

Zu Weihnachten sind alle ein wenig

Weise vom Morgenland oder auch König.

Ein Matsch. In den Läden Gewühl und Gedränge.

Für Kaffehalwa stürmt die wogende Menge

beinahe den Tresen. Dann ziehn sie davon -

Zar und Kamel in einer Person.

Beutel und Bündel, Tüten und Taschen,

Mützen, Gesichter, ein Schlips, der nicht stimmt.

Riechen tut's furchtbar nach Wodka, nach Flaschen,

nach Äpfeln und Fischen, nach Tanne und Zimt.

Ein Chaos im Schnee. Und im trüblichen Licht

sieht man den Weg nach Bethlehem nicht.

Dann springen die Bringer armseliger Gaben

in Busse und Bahnen und drängeln noch mehr.

Die Häuser verschlingen sie später am Abend.

Sie ahnen es beinah' - die Höhle ist leer.

Kein Ochs und kein Esel und auch, wie zum Hohne,

nicht einmal die Jungfrau mit goldener Krone.

Entsetzliche Leere. Doch denkt man an SIE,

strömt irgendwo Licht über all diesem Plunder.

Herodes war stark, doch er wußte ja nie -

je stärker die Macht, desto sich'rer das Wunder.

Und diese Art Beständigkeit

ergibt den Sinn der Weihnachtszeit.

D'rum feiert man heute so fröhlich und gern.

SEIN Kommen vollzieht sich im Stillen.

Man sieht noch zur Zeit keinen Wunsch nach dem Stern,

doch erkennt man den guten Willen.

Ja, den willen erkennt man. In finsterer Nacht

haben die Hirten schon Feuer gemacht.

Der Schnee hüllt die Erde bald vollkommen ein.

Es röhrt und trompetet der Winter.

Herodes hat Durst und er trinkt seinen Wein.

Die Mütter verstecken die Kinder.

Und wenn EINER kommt, mit welchem Gesicht?

Womöglich erkennen die Herzen IHN nicht.

Aber wenn dann im nächtlichen Winde

im Türrahmen kalt und vereist,

erscheint eine Mutter mit Kinde,

dann spürst du den Heiligen Geist.

Du spürst ohne Scham und schaust in die Fern' -

dort funkelt am Himmel und leuchtet ein Stern.

Lichtmess

(Begegnung)

Anna Achmatova

Sie trug ihren Sohn in den Tempel hinein.

Im Raume war's dunkel. Dort dienten allein

von denen die, immer im Tempel vorhanden,

der Greis Simeon und die Seherin Hanna.

Das Kind übernahm da der rüstige Greis.

Die anderen standen, in schwankendem Kreis

herum um den schlafenden Säugling, am Morgen -

im Dunklen verloren, jedoch auch geborgen.

Der Tempel umgab sie, so seltsam verklärt.

Entzog sie den Blicken von Himmel und Erd'.

Als ob sich ein wogender Wald hat erhoben

und über sie schützend die Kronen geschoben.

Ein Lichtstrahl fiel schräg in die Finsternis ein,

umhüllte das Kindlein mit heiligem Schein.

Doch spürte es nichts, denn es atmete leise

und schlief ohne Ahnung, gehalten vom Greise.

Nun wurde dem Alten einmal prophezeit:

Er würde nicht sterben, bevor nicht die Zeit

Des Heilands gekommen. Das ihm Prophezeite

erfüllte sich endlich. Da sagte er: "Heute

erblickte mein Auge das selige Licht.

Mein Gott, jetzt, in Frieden entlässest Du mich.

Dein Sohn und Dein Nachfolger ist heute kommen,

ein Lichtquell der Welt und für alle die Frommen

die Uhrsach' zur Freude." Der Greis Simeon

schwieg stille. Im dunklen verhallte der Ton.

Er flog wie ein Vogel hinauf zu den Sparren

und mußte dort oben ein Weilchen verharren.

Den Frauen war's seltsam. Die Stille im Raum

war seltsamer noch als die Worte. Und kaum

bewegte sich einer... "Was sind das für Reden?"

Maria schwieg still, doch das Wort des Propheten

ging wieder an sie: "Dieses Kind, das du hältst,

erhöhet die einen - die anderen fällt's,

zum Zankapfel wird er im Streit der Gerechten. -

Man wird ihn verleumden, man wird um ihn fechten.

Doch wenn er getötet wird, trifft es auch dich.

Die Wunden die er trägt, die sind auch ein Stich

in dein Herz. Und deine gemarterte Seele

wird weinen und bluten, wird ahnen und sehen."

So sprach er und zögerte, drehte sich um

und ging. Doch die Hanna, vor Alter ganz krumm

und Maria schauten erstaunt und betreten

ihm nach. Und Bedeutung und Leib des Propheten

verringerten sich. Und er ging schnell voran,

als trieben die Blicke der Frauen ihn an.

Er stolperte etwas und hing an den Stufen.

Doch wurde nicht er, sondern Gott angerufen.

Denn Hanna zu preisen den Schöpfer begann.

Die Tür kam jetzt näher. Er war dicht daran.

Ein Windhauch berührte sein Kleid, seine Locken.

Man hörte das brausende Leben frohlocken.

Er öffnete langsam die Tür mit der Hand

und ging nicht hinaus in das lebende Land.

Er ging in die taubstummen Gründe des Todes

im schwankenden Reiche, entbehrt seines Bodens.

Die Zeit war verstummt, der Bedeutung beraubt.

Er sah nur den Säugling, sein leuchtendes Haupt.

Und Simeon trug dieses Licht in der Seele

hinaus auf den Pfad in die finstere Höhle

des Todes. Er trug dieses Licht vor sich her

hinein in die Nacht, auf den Pfad, der vorher

noch niemals beleuchtet war. So schritt er weiter.

Das Licht ging nicht aus. Und der Pfad wurde breiter.

* * * *

Liebste, ich ging heute abend noch einmal hinaus.

Luft vom Ozean wollte ich atmen dort draußen am Hügel.

Wie ein chinesischer Fächer schmückte der Abend sich aus,

eine Wolke türmte sich hoch wie ein Deckel vom Flügel.

Ich erinnere ein Vierteljahrhundert oder noch mehr,

wir gingen zusammen. Damals hattest du immer so schnippisch

geredet.

Hast gemalt und gesungen. Doch dann kam dein Chemieingenieur,

und nach den Briefen zu urteilen bist du jetzt furchtbar

verblödet.

Nun sieht man dich oft in Kirchen bei Totenmessen,

für gemeinsame Freunde mal dort und mal hier.

Wie bin ich doch froh: es gibt Entfernungen so unermessen,

so undenkbar weiter als zwischen dir und mir.

Versteh' mich nicht falsch. Ich kann nichts mehr verbinden

mit deinem Namen und Stimme und Leib. Kaputt

hat sie niemand gemacht.

Nur, wer sein früheres Leben muß überwinden,

braucht zumindest ein Zweites. Und das hab ich auch schon

vollbracht.

Doch du hattest auch Glück, denn wo gibt's das im Leben

außer dem Foto, daß man ewiglich jung bleibt und spöttisch und

schön?

Wo Erinnerung fest hält, muß die Zeit sich ergeben.

Ich atme die Fäulnis der Ebbe. Rauchend bleib ich am Uferkai

stehn.

Übersetzt v. Melitta Neumann




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